Dr. Jarosław Lewczuk Pfarrkirche in Guben/Gubin
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Die Geschichte der Pfarrkirche, d.h. der Stadt- und Hauptkirche, die für die

Einwohner von Guben die wichtigste Kirche der Stadt war, zählt mindestens

acht Jahrhunderte. Die Anfänge des Gotteshauses dürften mit der hier bereits

im 11. und 12. Jh. vorhandenen slawischen Handelssiedlung, die sich auf

dem rechten Ufer der Lausitzer Neiße befand oder mit der durch den Fürsten

Heinrich den Bärtigen (um 1168 bis 1238) um die Wende vom 12. zum 13.

Jh. errichteten Kastellansburg zusammenhängen. Die verkohlten Reste eines

ausgebrannten hölzernen Gotteshauses wurden in den letzten Jahren bei

etwaigen archäologischen Ausgrabungen im westlichen Teil der Pfarrkirche in

einer Tiefe von etwa 260 cm unterhalb des gegenwärtigen Bodens ausfindig

gemacht.

Das Stadtprivileg nach dem Magdeburger Recht, das Guben am 1. Juni 1235

durch den Markgrafen Heinrich dem Erlauchten von Meißen verliehen wurde,

gab wahrscheinlich die Anregung, ein weiteres, nun gemauertes Gotteshaus

der Stadt zu bauen. Die aus Backstein errichtete spätromanische dreischiffige

Basilika mit einer Gesamtlänge von ca. 42 m und einer Breite von 21 m kann

auch dem ungefähr zur damaligen Zeit auf dem linken Flussufer gegründeten

Kloster der Benediktinerinnen gedient haben. Nach dem Brand Ende des 13. Jh.

wurde der östliche Teil der Kirche (Presbyterium) im gotischen Stil umgebaut.

Die Reste der romanischen Kirche wurden während der Ausgrabungen in den

Jahren 1970 – 1971 und 2011 entdeckt.

Nach dem legendären Erdbeben, das ca. Mitte des 14. Jh. die damals bestehende

romanische Kirche zerstört bzw. stark beschädigt hatte, wurde in der zweiten

Hälfte dieses Jahrhunderts eine dreischiffige Hallenkirche im frühgotischen

Stil mit einer Maximallänge von ca. 53 m und einer Schiffsbreite von 24 m.

errichtet. Von dem ursprünglichen Bau ist lediglich der Turmbereich erhalten

geblieben, während die anderen Partien des Langhauses, die Schiffe und die

Pfeiler abgerissen wurden. Auch der Haupteingang im Turmmassiv wurde

geändert indem er die Form eines Backsteinstufenportals mit einer Schwelle aus

Sandstein mit einer Gesamtlänge von 200 cm und einer Breit von 41 cm erhielt.

Architektonische Relikte einer dritten Kirche wurden bei Ausgrabungen in den

Jahren 1970-1971, 2008 und 2011 festgestellt.

Das bis heute innerhalb der Rundmauern erhalten gebliebene spätgotische

Hallengotteshaus mit einer Länge von 60 m und einer Breite von 30 m wurde

schrittweise über fast zwei Jahrhunderte gebaut. Im Zusammenhang mit dem

wachsenden Wohlstand der Gubener wurde bereits um die Wende vom 14. zum

15. Jh. ein von der nördlichen Seite an das heutige Presbyterium angrenzendes

Schulgebäude errichtet, das im Jahre 1412 schriftlich erwähnt wurde. Mitte

des 15. Jh. wurde mit dem Bau eines dreischiffigen, mit einem Ring von 8

Kapellen umschlossenen Hallenpresbyteriums, das sich in der sechseckigen

Ostwand befand, angefangen. Die einschlägigen Bauarbeiten wurden erst im

Jahre 1508 abgeschlossen. Anschließend wurden drei Schiffe der frühgotischen

Kirche abgerissen. Um 1520 wurden zwei Türme der spätgotischen Kirche

niedergerissen, wobei jedoch die – bis heute erhalten gebliebene Ostwand

des Turmbereiches – gelassen wurde. 1523 waren die Mauern und das Dach

dieses Kirchenteils bereits fertig. 1548 wurde der Westgiebel und 1559 das

Backsteingewölbe über den drei Schiffen des Langhauses abgeschossen. Die

Bauarbeiten am Turm dauerten bis 1557 als der blecherne Turmknopf aufgesetzt

werden konnte. Im Jahre 1562 wurden in der neu errichteten Westwand der

Kirche Fenster eingebaut. In den Jahren 1580 – 1594 wurden die nicht mehr

erhalten gebliebenen Emporen fertiggestellt. Die Malerarbeiten im Inneren

der Kirche wurden 1594 abgeschlossen, so dass die Kirche nun von der

evangelischen Gemeinde, die das Gotteshaus bereits im Jahre 1524 übernommen

hatte, benutzt werden konnte.

Nach den Zerstörungen während des Dreißigjährigen Kriegs (1618 – 1648)

wurde Anfang des 18. Jh. die Ausstattung im Inneren der Kirche gegen eine

barocke ausgetauscht. Die umfassenden Renovierungsarbeiten unter der Leitung

des Berliner Architekten Eduard Knoblauch fanden in den Jahren 1842 –

1844 statt. Die Reste der historischen Ausstattung der Kirche wurden damals

abgebaut, um die idealisierte Gestalt einer „weißen Kirche“ zu erreichen. 1896

wurden breit ausgelegte Bodenarbeiten zur Anlegung einer Zentralheizung

durchgeführt. Sie führten allerdings zur Zerstörung der ausgegrabenen

Grabkammern, der erhaltenen Bestattungsorte, der Grabplatten sowie der

Mauern früherer Gotteshäuser. Die Kriegsgeschehnisse im Jahre 1945 und die

dreimonatigen Kämpfe um „die Festung Guben“ brachten die Zerstörung der

Pfarrkirche mit sich.

Die ersten Arbeiten zur Sicherung des originalen gotischen Gewölbes über

den Kirchenschiffen wurden bereits im Jahre 1951 durchgeführt. In den

Jahren 1970 – 1971 fanden umfassende archäologisch-architektonische

Forschungen der Technischen Hochschule Breslau statt. Sie trugen dazu bei,

dass die Reste früherer Bauten – der spätromanischen und der frühgotischen

Kirche – aufgenommen, untersucht und dokumentiert werden konnten. In

den Jahren 1979 – 1980 wurde das Dach der alten Pfarrschule, der späteren

Sakristei,

(„Gubener Stadtkirche“) gegründet, deren satzungsmäßiges Ziel ist es, das

Gotteshaus wieder aufzubauen. In den Jahren 2007 – 2008 wurden breit

eingedeckt. Im Jahre 2005 wurde die Stiftung „Fara Gubińska“

angelegte Ordnungs-, Sicherheits- und Dokumentationsarbeiten im Inneren der

Kirche durchgeführt. Dabei wurden fast 2000 Tonnen Bauschutt abgetragen,

am Kirchengebäude wurde das terrestrische Laserscanning durchgeführt

und die Turmbekrönung wurde wieder aufgebaut. Zur gleichen Zeit fing ein

weiterer Abschnitt der archäologischen, anthropologischen, epigraphischen und

architektonischen Untersuchung zur vollständigen Erforschung des Objektes

an. Die 2011 gegründete deutsch-polnische Bauhütte Kirche Gubin bildete

den Auftakt zu einer neuen Epoche in der Geschichte des Wiederaufbaus. Ein

erstes bemerkenswertes Ergebnis der sehr breit angelegten Maßnahmen ist

die Restaurierung des Turmes der Stadt- und Hauptkirche, der nun von den

Einwohner der Europastadt und von Touristen besichtigt werden kann.

Übersetzung durch: Jerzy Bielerzewski